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Dreigliedriges Schulsystem vs. Gesamtschule

Man könnte meinen, das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland sei festgefahren wie kein anderes. Man tut sich schwer an diesem System eine grundlegende Änderung vorzunehmen, obwohl die meisten der europäischen Nachbarn schon längst einen anderen Kurs fahren, der sich auch bewährt hat. Aber warum gibt es überhaupt noch ein dreigliedriges Schulsystem in Deutschland? Die erste Frage, die sich uns dabei stellt, ist, mit welcher Begründung es überhaupt zu diesen drei Schulformen Haupt- und Realschule und Gymnasium – und nicht zu zwei oder vielleicht fünf Schulformen – kommen konnte.

Die Antwort: Im 19. Jahrhundert und bis in die 60er-Jahre war man der Auffassung, dass es genau drei Begabungstypen gibt; zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind theoretisch, fünf bis sechs Prozent technisch und 90 Prozent praktisch begabt. Diese Annahme erforderte wiederum auch drei Schulformen. Im Gymnasium fand sich die „Elite der Nation“ wieder, auf die Realschulen kamen diejenigen, die die Ideen dieser „Elite“ umsetzten und auf die Hauptschulen (früher Volksschulen) gehörten die zukünftigen „Arbeiter der Hand (und nicht des Kopfes)“. Diese Behauptung, dass es nur diese drei Begabungstypen gibt und dass diese Begabungen auch im entsprechenden ökonomischen Umfang vorhanden sind, ist wahrlich aus der Luft gegriffen und bleibt bis heute völlig unbegründet. Auch z.B. auf die Frage, warum es dann keine Schule für künstlerisch-kreative Begabung gibt, kann die begabungstheoretische Position keine Antwort geben.

Wir sehen also: Die Idee eines Schulsystems mit drei Schulformen ist verstaubt und unbrauchbar geworden, es wird den unterschiedlichen Begabungen der SchülerInnen nicht gerecht. Dass es Begabungsunterschiede gibt, steht außer Frage, wie man jedoch mit diesen Unterschieden umgeht, ist viel eher die Frage.

Doch nicht nur die begabungstheoretische Argumentation, die hinter der Dreigliedrigkeit steht, stört uns. Das deutsche Schulsystem hat viele „Problemzonen“, die unserer Meinung nach auch im Zusammenhang mit den drei Schulformen entstanden sind:

– Die Hauptschule ist zu einer Art „Restschule“ mit hohem Problemdruck geworden,

– Durchlässigkeit zwischen den Schulformen ist keine echte Durchlässigkeit mehr; es gibt wohl mehr „AbsteigerInnen“ als „AufsteigerInnen“

– Schule in Deutschland ist sehr selektiv – zu selektiv – geworden,

– Unsere Gesamtschule ist keine vierte Regelschule, sondern eine „Fehlkonstruktion“; sie ist keine echte Gesamtschule mehr

– Deutschland erbringt im internationalen Vergleich eine zu geringe Leistungsfähigkeit („PISA“!)

Um diese „Problemzonen“ aus dem Weg zu räumen, sind wir der Meinung, dass es auf Dauer nötig sein wird, flächendeckend Gesamtschulen einzuführen. An folgenden Beispielen versuchen wir zu erklären, an welchen Stellen es genau hakt und wie man diese Haken verbessern könnte:

Schon bei der Übergangsempfehlung nach der vierten Klasse fängt es an. LehrerInnen, die diese Empfehlung treffen müssen, gelingt es meist nur in Ansätzen, ihre SchülerInnen wirklich gerecht auf die weiterführenden Schulen zu verteilen. Eigentlich soll die Leistung hierbei entscheidend sein. Etwas ganz anderes beweist z.B. die Studie „Iglu“: Nur bei sehr starken und bei sehr schwachen Schülern liegt die Zuweisung auf der Hand, bei einem großen Teil (44%) der SchülerInnen ist die Empfehlung eher willkürlich. Das hat zur Folge, dass in den fünften Klassen aller Schulformen eher ein Mix aus unterschiedlich leistungsstarken SchülernInnen sitzt, anstatt einer leistungshomogenen Gruppe. So geht das Prinzip des dreigliedrigen Schulsystems schon allein an dieser Stelle nicht auf.

Es ist und bleibt unmöglich eine Übergangsempfehlung wirklich gerecht zu gestalten, denn es lässt sich in der Tat darüber streiten, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt eine solche Empfehlung stattfinden soll: Sind Aufnahmeprüfungen oder IQ-Tests nicht vielleicht besser als subjektive Entscheidungen von GrundschullehrernInnen? Ist eine derart weit reichende Entscheidung, welche Schule man in Zukunft besuchen wird, nach der vierten Klasse nicht viel zu früh, weil sich Leistungsfähigkeit auch erst später zeigen kann? Diese Fragen könnte man sinnvoll umgehen, wenn alle Kinder nach der vierten Klasse weiterhin dieselbe Schule besuchen würden. Die ungerechte Verteilung auf Haupt- und Realschule und Gymnasium gäbe es dann nicht mehr, und trotzdem bestände für alle weiterhin die Möglichkeit, sich „hoch zu arbeiten“.

Es ist außerdem auch viel einfacher, sich innerhalb einer Schule „hoch zu arbeiten“, denn das Prinzip einer Gesamtschule heißt „innere Differenzierung“. Die Durchlässigkeit, vor allen auch nach oben, ist in einem integrierten System viel mehr vorhanden als in einem gegliederten. Beispielsweise werden SchülerInnen auf einer Gesamtschule je nach Leistung in verschiedenen Fächern in so genannte Erweiterungskurse bzw. Grundkurse eingeteilt. Diese Einteilung ist nicht starr, denn SchülerInnen können sowohl durch bessere Leistungen in den Erweiterungskurs aufsteigen, aber auch zurück in den Grundkurs kommen. Andere Fächer dagegen werden weiterhin im Klassenverband unterrichtet, das heißt in leistungsheterogenen Gruppen.

Ein weiterer wichtiger Vorteil bei solch gemischten Gruppen gegenüber leistungshomogenen ist, dass SchülerInnen voneinander profitieren können und vor allem die leistungs-schwächeren Schüler von anderen „mitgezogen“ werden. Sie werden nicht dadurch aus-gegrenzt, dass sie auf der Hauptschule landen, die sowieso schon von vorneherein mit massenweise Vorurteilen belegt ist, sondern werden automatisch integriert.

Auf das Thema „Chancenungleichheit“ möchten wir sowieso noch ein besonderes Augenmerk legen. Schule hat eine Selektionsfunktion. Sie soll die SchülerInnen, unabhängig von ihrer Herkunft, je nach dem welche Qualifikation sie erbringen, zu unterschiedlichen beruflichen und sozialen Positionen führen. Dabei werden die SchülerInnen in einer Art „Rüttelsieb“ hin zu unterschiedlichen Lebenschancen sortiert. Dieses „Sieben“ jedoch muss gerecht sein, es darf also nicht an der „Mitgift“ eines/r Schülers/in orientiert sein. Empirische Betrachtungen von 1972 bis heute (vgl. H.-J. Tillmann: „Basislager für Bildung und Schulerfolg“) jedoch zeigen, dass es ein hohes Maß an sozialer Ungleichheit in unserem Bildungswesen – das trotzdem noch auf die Dreigliedrigkeit baut! – gibt. Welche Schulform oder welchen Abschluss man erwirbt hängt massiv mit der sozialen Position der Herkunftsfamilie zusammen, was sich im Übrigen auch an der Hochschule oder im Studium fortsetzt. Die oben schon zitierte Studie „Iglu“ stellt beispielsweise die auffällige Benachteiligung von Arbeiter- und Einwandererkindern bei der Übergangsempfehlung fest. Demnach hat das Kind eines Managers bei gleicher Leistung wie das Kind eines Einwanderers eine 2,63-mal so hohe Chance, eine Gymnasialempfehlung von ihren LehrernInnen zu bekommen.

Wahrscheinlich wird man es nie ganz schaffen, totale Chancengleichheit herzustellen und den Bildungserfolg von der Herkunft abzukoppeln. Doch würde man mit der Einführung einer Gesamtschule, nicht nur als Alternative zu den anderen drei Schulformen, sondern als einzige Schulform, dem ein ganzes Stück näher kommen. Ein großes Problem der derzeitigen Gesamtschulen ist nämlich auch, dass häufig nur ein ganz kleiner Teil der Schüler eine Gymnasialempfehlung mitbringt und so auch die Klassen nur wenig „gemischt“ sind.

1 Kommentar

  1. steff

    dumm aber bleibt dumm und asozial bleibt asozial……

    Die Hauptschule sind für die Versager und so soll es auch bleiben.

    Baden-Württemberg und Bayern haben die beste Elite und das 3. gliedrige Schulsystem……

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